SHAKESPEARE:
WAS IHR WOLLT
Eine Komödie

Neufassung von Klaus Thiel-Klenner
VORSPIEL AUF DEM THEATER
Sir Toby, Bleichenwang, später Narr, später dazu Viola und
Sebastian, später auch Valentina
Vorhang geschlossen Auftritt SIR TOBY und BLEICHENWANG
SIR TOBY
Hallo! Hallo Theaterleute!
Macht den Vorhang auf wir wollen Theater sehen!
BLEICHENWANG
Ja, Theater, wir wollen jetzt Theater!
SIR TOBY
Hallo! Theater!
Beide rufen laut, machen Lärm auf der Vorbühne
Auftritt NARR
NARR
Was soll der Lärm? Wer macht hier so ein Theater?
BLEICHENWANG
Ich hoffe, IHR macht hier Theater!
SIR TOBY
Ja, aber fix wir warten schon, Schwachkopf!
NARR
Keine Sorge, das Stück wird in ein paar Minuten beginnen.
SIR TOBY
Woran liegt es? Am Geld?
Andreas, wir brauchen ein bisschen Geld...
BLEICHENWANG holt ein Geldbündel aus der Tasche und hält es
dem NARR hin,
der NARR greift danach, BLEICHENWANG zieht es zurück
BLEICHENWANG
Was spielt ihr eigentlich?
NARR
Was ihr wollt.
SIR TOBY
Was ihr wollt ist gut...
BLEICHENWANG
Was wir wollen ist gut
Fußball, Frauen, Freibier...
NARR
Shakespeare.
Was ihr wollt von Shakespeare.
SIR TOBY
Shakespeare ist gut dann bitte Macbeth oder Hamlet!
BLEICHENWANG
Ja, Hamlet ein schönes Hamlet mit Bratkartoffeln...
und Pommes Frites!
SIR TOBY
UND Pommes Frites? Beides?
Das ist abartig...
Entweder, oder...
Sein oder Nichtsein...
BLEICHENWANG
Kann dir doch egal sein!
Ich will mein Hamlet so wie ich das will!
NARR
Freunde! Freunde, beruhigt euch
Nicht was IHR wollt von Shakespeare,
sondern Was ihr wollt von Shakespeare...
Verständnisloser Blickwechsel
NARR
Das Stück heißt so: Was ihr wollt.
SIR TOBY
Ach so.
BLEICHENWANG
Ich hab das gewusst..
SIR TOBY
Ja, ja... sicher...
Wie es euch gefällt... mit und ohne Bratkartoffeln.
(zu NARR) Worum geht es denn in dem Stück?
NARR
Um das Übliche...
die Liebe... was man will und was man kriegt... (nimmt sich das Geld von
BLEICHENWANG)
Hauptsächlich dreht sich die Handlung um ein Zwillingspaar, Sebastian und Viola.
AUFTRITT VIOLA
NARR (zeigt auf Viola)
Das ist Sebastian.
VIOLA
Nein, ich bin Viola das ist Sebastian.
AUFTRITT SEBASTIAN
BLEICHENWANG
Ich seh doppelt!
Sag mal, Tobias, was war denn da in der Flasche drin?
NARR
Nur ihre Mutter kann sie auseinander halten.
SIR TOBY
Und was passiert mit ihnen?
NARR
Ganz tolle Sachen... Also, da ist ein Schiffbruch
BLEICHENWANG
Das ist gut, Schiffbruch... und Sebastian steht vorne am Heck und ruft:
Ich bin der König der Welt!
NARR und SIR TOBY
Nein, nein!
SIR TOBY
Vorne am Heck... vorne heißt das Bug!
BLEICHENWANG
Das Heck heißt vorne Bug? Na gut, dann eben am Bug...
Er steht am Bug und ruft...
VALENTINA (schaut durch den Vorhang)
Kommt ihr wieder rein? Der Chef will anfangen.
VIOLA und SEBASTIAN (unisono)
Entschuldigung.
VIOLA und SEBASTIAN ab
SIR TOBY
Erstaunlich, diese Ähnlichkeit...
BLEICHENWANG
Also... am Bug... was macht der jetzt am Bug?
NARR
Gar nichts.
Wir sehen die beiden gar nicht auf dem Schiff.
BLEICHENWANG
Aber den Schiffbruch, den sehn wir doch?
NARR
Nein, auch nicht bin ich Steven Spielberg?
Das ist Theater, nicht Hollywood.
SIR TOBY
Ach, schade.
NARR
Wir sehen zuerst Viola, wie sie gerettet wurde und hier in Illyrien ankommt...
VALENTINA (schaut durch den Vorhang)
Kommst du auch rein? Der Chef will wirklich jetzt anfangen!
BLEICHENWANG
Wer ist denn hier Chef? ICH bin der Chef!
Ich hab bezahlt...
NARR
Kommt nach hinten, da erklär ich euch alles.
BLEICHENWANG
Ich hab bezahlt!
NARR
Ihr könnt auch mitspielen, wenn ihr wollt
da gibts zwei Typen im Stück, die passen haargenau zu euch.
SIR TOBY
Wie meinst du das jetzt, Schwachkopf?
NARR
Zwei edle Herren, aristokratisch, gebildet und, äh... befreundet...
SIR TOBY
Dann ist ja gut!
BLEICHENWANG
Ja, das ist gut...
Aber ICH bin der Chef!
NARR
Was ihr wollt...
SIR TOBY
Kommt, Andreas, wir gehen nach hinten.
BLEICHENWANG
Ans Heck Heck ist hinten.
SIR TOBY
Hinter die Bühne...
BLEICHENWANG
Vorne heißt das Heck Bug und hinten heißt das Heck Heck!
SIR TOBY
Mach kein Heckmeck und komm endlich!
SIR TOBY und BLEICHENWANG ab durch die Tür.
NARR
Amüsierpöbel...
Na ja.
(zum Publikum)
Und ihr?
Ihr wollt doch auch Theater, oder?
Dann bekommt ihr jetzt
WAS IHR WOLLT
NARR ab
ACT 1 Szene 1
Am Strand
Viola, Kapitän
VIOLA
Welches Land ist dies, Freund?
KAPITÄN
Illyrien, mein Fräulein.
VIOLA
Und was soll ich denn in Illyrien? Mein Bruder ist in Elysium...
Oder vielleicht durch einen glücklichen Zufall... ist auch er nicht ertrunken?
KAPITÄN
Es ist schon ein glücklicher Zufall, dass Ihr selbst gerettet wurdet.
VIOLA
Mein armer Bruder durch Zufall ist es ihm vielleicht dann auch geglückt.
KAPITÄN
Vielleicht kann ich Euch trösten, Fräulein:
Durch Zufall sah ich ihn, als das Schiff auseinander gebrochen,
wie er sich an einen starken Mast festband, der zufällig im Wasser trieb.
Als ihr euch in die Boote rettetet, sah ich, wie er mitsamt dem Mast,
auf den Wellen fort schwamm - behende wie ein Delphin. Nur leider in die andere Richtung.
VIOLA
Hier ist Gold für diesen Trost.
Das läßt mich wieder hoffen.
Kennst du dies Land?
KAPITÄN
Ja, sehr genau sogar; ich bin keine drei Stunden Fußweg von hier geboren und
aufgewachsen.
VIOLA
Wer regiert hier?
KAPITÄN
Ein edler Herzog namens Orsino.
VIOLA
Orsino! Den Namen kenn ich mein Vater sprach von ihm.
Damals war er noch unvermählt...
KAPITÄN
Das ist er noch, soweit ich weiß.
Zumindest war ers noch vor einem Monat, als ich abreiste.
Da gab es das Gerücht, er werbe um die reizende Olivia.
Nur ein Gerücht... Ihr wißt, was Große tun, beschwatzen gern die Kleinen...
VIOLA
Wer ist diese Olivia?
KAPITÄN
Ein sittsames Mädchen, die Tochter eines Grafen.
Der starb vor einem Jahr und ließ sie in der Obhut ihres Bruders.
Der starb nun blöderweise auch vor kurzem
und um dessen teurer Liebe willen, hat sie nun
der Gesellschaft und dem Anblick aller Männer abgeschworen.
So sagt man.
VIOLA
Sagt man so?
Ach könnte ich doch dieser Dame dienen, ohne ins Licht der Welt treten zu müssen,
bis die Zeit reif ist, meine wahre Herkunft zu offenbaren.
KAPITÄN
Das wäre schwer zu erreichen.
Sie läßt keinerlei Leute vor und reagiert auf keinen Antrag nicht einmal vom
Herzog.
VIOLA
Du bist ein feiner Kerl, Kapitän und ich traue dir.
Hilf mir und ich will dich reich entlohnen.
Verschweige, wer ich bin und verhilf mir zu einer Verkleidung.
Ich will diesem Herzog dienen, als Höfling in seinem Hofstaat.
Ich kann sehr witzig sein und unterhaltsam.
Was sonst geschehen mag, das wird die Zeit schon zeigen,
nur richte sich nach meinem Witz dein Schweigen.
Komm, führ mich hin.
Alle ab.
ACT 1 Szene 2
Am Hofe des Herzogs Orsino, Curia-Chor, Bodyguard, dazu Valentina
Narr und Bodyguard stehen an einer Stereoanlage
und können sich nicht auf ein Lied einigen. 
Nach mehrmaligem hin und her schalten:
AUFTRITT ORSINO + CURIA-CHOR Bodyguard schaltet Musik aus

ORSINO
Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter!

(Bodyguard startet sein Lied)
Gebt mir im Übermaß davon, damit das Verlangen im Überfluß ertrinke!
(Narr will auf sein Lied schalten, verschaltet sich auf Lied Nr.3
schaltet auf Lied 2)
Nein, diese Weise noch einmal sie starb so schön dahin...
(Narr schaltet auf Nr.3 nach kleiner Weile bricht Orsino ab)
Ach, Schluß genug davon. (Musik aus)
CURIA-CHOR
Wolltet ihr nicht jagen gehen, mein Herr?

ORSINO
Was wollt ich jagen, Curias?
CURIA-CHOR
Den Hirsch.
ORSINO
Genau den Hirsch! Das tue ich ja!
Das edelste Geschöpf, das ich in meinem Reiche habe...
Oh ... Olivia...
CURIA-CHOR
Oh-oh.
ORSINO
Oh da zuerst mein Auge Olivia sah,
schien mir die Luft durch ihren Anblick gereinigt.
In diesem Augenblick wurd ich zum Hirsch...
Und seitdem verfolgen die Begierden mich wie wilde, grausame Jagdhunde.
CURIA-CHOR
Passt auf, dass ihr am Ende damit keinen Bock geschossen habt...
Auftritt VALENTINA
ORSINO
Nun, was sagt sie? Welche Nachricht bringst du, Valentina?
VALENTINA
Verzeiht, mein Fürst ich wurde gar nicht vorgelassen.
Aber von ihrer Kammerzofe bringe ich folgende Nachricht: Ich zitiere:
Der Himmel selbst soll ihr Gesicht nicht sehn, bis sieben Jahr vergangen sind.
Sie will wie eine Nonne im Schleier gehn,
Und einmal tags ihr Zimmer rings benetzen mit dem salzigen Nass ihrer Tränen,
die aus ihren brennenden Augen fließen.
Um eines toten Bruders Liebe zu balsamieren,
die sie in ihrem traurigen Gedächtnis frisch und dauerhaft erhalten will. Ende der
Nachricht.
ORSINO
Oh...
Oh diese... diese Frau!
Das ist Wahnsinn!
Wie wahnsinnig liebenswert! Die ist so süß...
Wie edel dieses Herz geformt ist!
Wie wird sie, die schon dem Bruder solche Liebe zeigt,
erst lieben, wenn Amors Pfeil ihr edles Herz durchbohrt!
Mir ist nach Liebeslyrik!
Eilt mir voraus zu süßen Blumenbeeten
Liebesgedanken sind reich gebettet, wenn sie von Lauben überdacht werden.
Herzog, Hofstaat etc. ab
ACT 1 Szene 3
Olivias Haus
Sir Toby, Maria dazu Bleichenwang
SIR TOBY
Was zum Teufel fällt meiner Nichte nur ein, dass sie sich den Tod des Bruders so zu
Herzen nimmt?
Der Kummer zehrt am Ende noch an ihrem Leben.
MARIA
Wirklich, Sir Toby, ihr müsst nachts früher nach Hause kommen.
Eure Nichte, meine Herrin, nimmt gar sehr an eurer üblen Zeiteinteilung Anstoß...
SIR TOBY
Na und? Lass sie Anstoß nehmen, sie soll sich bloß nicht dabei stoßen das wäre
anstößig!
MARIA
Sie hat aber recht. Es würde euch viel besser kleiden, einen ordentlichen Lebenswandel zu
führen.
SIR TOBY
Besser kleiden? Ich brauche mich nicht besser kleiden, als ich hier bin.
Dieser Rock ist gut genug zum Trinken, meint ihr nicht auch?
MARIA
Dieses Saufen und Trinken wird euch ruinieren!
Ich habe meine Herrin erst gestern davon reden hören... und von einem albernen Junker,
den ihr eines nachts hier angeschleppt habt und mit ihr verkuppeln wolltet.
SIR TOBY
Den Junker Andreas von Bleichenwang?
MARIA
Genau den.
SIR TOBY
Was heißt hier alberner Junker? Das ist ein großer Mann so groß wie nur
irgendeiner in Illyrien!
Er hat 3000 Dukaten im Jahr!
MARIA
Aber er wird nur ein halbes Jahr was davon haben, denn er ist ein Narr und ein
Verschwender.
Großer Mann... Ein großer Narr ist er.
SIR TOBY
Pfui, wie könnt ihr so etwas sagen? Er spielt auf der Bassgeige und spricht drei bis vier
Sprachen
Wort für Wort, aus dem Kopf, ohne Buch! Er ist mit vielfältigen Gaben der Natur
gesegnet...
MARIA
Auch mit einfältigen, scheint mir.
Denn abgesehen davon, dass er ein Narr ist, ist er auch ein großer Streithammel.
Und wenn er nicht mit der Gabe der Feigheit gesegnet wäre, die seine Streitlust
eindämmt,
so würde ihm sehr schnell das Grab zur letzten Gabe werden. So sagt man...
SIR TOBY
Das sind Schufte, Lügner und Verleumder, die so von ihm reden!
Bei meiner Faust, wer sagt so etwas?
MARIA
Dieselben, die auch behaupten, dass ihr euch jede Nacht auf seine Kosten hemmungslos
betrinkt.
SIR TOBY
Wir trinken auf meiner Nichte Gesundheit..
Und ich werde weiter auf das Wohl meiner Nichte trinken, solange noch etwas durch diese
meine Kehle rinnt und es was zu trinken gibt in Illyrien! Ein Hasenfuß und Lumpenhund,
der nicht auf meine Nichte trinkt, bis sein Hirn sich um sich selber dreht wie ein
Brummkreisel! Da kommt der Junker schon auf Stichwort.
Auftritt Bleichenwang
BLEICHENWANG
Sir Toby liebster Junker Tobias!
SIR TOBY
Sir Andrew liebster Junker Andreas!
BLEICHENWANG
Gott zum Gruße, hübsche Kratzbürste.
MARIA
Ganz meinerseits, Herr von Bleichenwang.
SIR TOBY
Ran an sie, sie steht auf dich.
BLEICHENWANG
Wer ist sie eigentlich?
SIR TOBY
Die Kammerzofe meiner Nichte Avanti...
BLEICHENWANG
Gutes Fräulein Avanti, ich wünsche näher mit Euch bekannt zu werden.
MARIA
Mein Name ist Maria, guter Herr.
BLEICHENWANG
Gutes Fräulein Maria Avanti, ich würde gerne..
SIR TOBY
Avanti. Das heißt, geh ran, umwirb sie, bestürme sie...
BLEICHENWANG
Ach so... nun gut... Liebes Fräulein Maria...
MARIA
Ich glaube, es ist Zeit, zu gehen.
Lebt wohl, meine Herren.
Maria ab.
SIR TOBY
Oje... mein lieber Junker, ich glaube, du brauchst ein Fläschchen Sekt.
Wann hab ich dich je so geknickt gesehen?
BLEICHENWANG
Nie im Leben, Junker Tobias. Außer, wenn der Sekt mich so knickt.
Manchmal denke ich, dass ich nicht mehr Verstand habe, als in eine Flasche passt.
Außerdem bin ich ein großer Rindfleischesser... ich glaube, das greift meinen Verstand
an.
SIR TOBY
Ganz ohne Zweifel.
BLEICHENWANG
Wahrhaftig, ich reise morgen ab. Deine Nichte will sich ja nicht sehen lassen.
Und wenn sies tut da wett ich vier zu eins dann wird sie nichts von
mir wissen wollen.
Der Herzog selbst wirbt schon um sie.
SIR TOBY
Sie will doch gar nichts vom Herzog wissen, Freund!
Sie will nicht über ihrem Stand heiraten, was Rang, Vermögen, Alter und Verstand
betrifft.
Das habe ich sie schwören hören!
Auf, da ist noch was drin für dich, Mann!
BLEICHENWANG
So will ich einen Monat länger bleiben...
Was sollen wir nun machen? Sollen wir ein Gelage anstellen?
SIR TOBY
Was sollten wir sonst tun?
Sind wir nicht beide unter dem Steinbock geboren?
BLEICHENWANG
Steinbock? Das bedeutet Stoßen und Schlagen.
SIR TOBY
Nein, Freund, das bedeutet Tanzen und Springen!
Auf, Freund, laß mich deine Kapriolen sehen!
Beide ab.
ACT 1 Szene 4
Palast des Herzogs
Viola (als CESARIO verkleidet) Curia-Chor, Valentina später Herzog
CURIA-CHOR (kreist mit dem Text Viola ein)
Wenn der Herzog euch weiterhin solches Wohlwollen entgegen bringt, werdet ihr es noch weit
bringen, Cesario er kennt euch erst seit drei Tagen und schon seid ihr kein Fremder
mehr und ihm ans Herz gewachsen.
VIOLA
Ich danke euch.
Auftritt Herzog
ORSINO (zu Valentina)
Wer hat Cesario gesehn? Wo steckt er?
VIOLA
Hier bin ich, gnädiger Herr! Zu euren Diensten.
ORSINO
Lasst uns für einen Augenblick allein!
---> CURIA-CHOR + VALENTINA ab
Cesario, du weißt alles
ich habe dir das Buch meiner innersten Seele aufgeschlagen.
Deshalb möchte ich, dass du zu Olivia gehst.
Lass dir den Zutritt nicht verweigern:
Bleib vor ihren Toren stehen und sag ihnen,
dass du dort notfalls Wurzeln schlagen wirst, bis du Gehör erhältst.
VIOLA
Mein edler Herr, wenn sie sich ihrem Schmerz tatsächlich so hingibt, wie man sagt,
wird man mich bestimmt nicht zu ihr lassen.
ORSINO
Dann schlag Lärm, so viel du kannst!
Setz dich notfalls auch über alle Schranken der Höflichkeit hinweg,
als unverrichteter Dinge zurück zu kehren!
VIOLA
Angenommen, Herr, ich spreche tatsächlich mit ihr... Was dann?
ORSINO
Oh, dann...
Dann enthülle ihr die Leidenschaft meiner Liebe...
Versetze sie in Erstaunen mit meiner Liebestreue...
Es wird gut aussehen, wenn du ihr meinen Schmerz bildlich vorspielst.
Einem jungen Mann wie dir wird sie geneigter lauschen als einem alten ehrwürdigen.
VIOLA
Das glaube ich nicht, mein Herr.
ORSINO
Glaub es, lieber Junge!
Denn noch verleumdet derjenige deine frohen Jahre, der dich einen Mann nennt!
Dianas Lippen sind nicht weicher und rosiger, deine Stimme hell und klar wie die eines
Mädchens,
alles an dir ist irgendwie weiblich... Ich weiß es.
Deine Sterne stehen gut für diesen Auftrag. Mach deine Sache gut und du sollst frei und
reich
deines Herren Glücke teilen.
VIOLA
Ich werde mein Bestes tun, eure Lady für euch zu gewinnen, mein Herr.
(beiseite) Doch was immer auch geschieht, ich werde hier Verlierer sein -
was ich auch tu, trotz Müh und Pein ich möchte selber seine Gattin sein!
ACT 1 Szene 5
Olivias Haus
Maria, Der Narr, dazu Olivia, Priester, Malvolio, Sir Toby, Viola
MARIA
Also, entweder du sagst mir jetzt, wo du gewesen bist, oder ich werde meinen Mund nicht
soweit auftun, dass ein Strohhalm dazwischen passt, um dich zu entschuldigen!
Meine Herrin wird dich wegen deiner Abwesenheit hängen oder fortjagen lassen!
NARR
Lass sie mich nur hängen wer gut gehängt ist,
der braucht um Kopf und Kragen nicht mehr fürchten.
So manches gute Gehängtwerden verhindert eine schlechte Heirat .
MARIA
So viele Worte für ein Achselzucken? Auch du wirst noch kurz angebunden sein.
Jetzt halt den Mund, du Schuft, da kommt die Herrin.
Du tätest gut daran, deine Entschuldigung weise vorzubringen.
Auftritt Olivia, Priester später Mailvolio
NARR
Gott segne dich, Fräulein
OLIVIA
Schafft den Narren fort!
NARR
Hört ihr Leute? Schafft das Fräulein weg!
OLIVIA
Schafft das Narrengesicht weg!
Geh, du bist ein trockner Narr, ich will nichts mehr mit dir zu tun haben.
Außerdem wirst du unzuverlässig.
NARR
Zwei Fehler, Madonna, die Trinken und guter Rat verbessern werden.
Gebt dem Narren zu trinken, so ist er nicht mehr trocken.
Rate dem unzuverlässigen Menschen sich zu bessern;
wenn er sich bessert, ist er nicht mehr unzuverlässig.
Aber alles, was ausgebessert ist, ist nur geflickt:
Tugend, die sich vergeht, ist mit Sünde geflickt,
Sünde, die sich vergeht, mit Tugend.
Das Fräulein befahl, das Narrengesicht wegzuschaffen, deshalb sage ich wieder:
Schafft das Fräulein weg!
OLIVIA
Narr, ich befahl ihnen, dich wegzuschaffen!
NARR
Ein Irrtum höchsten Grades!
Gute Madonna, denn ihr seid der Narr.
Erlaubt mir, es zu beweisen.
OLIVIA
Kannst du das?
NARR
Narr...türlich.
OLIVIA
Dann führ den Beweis.
NARR
Dazu muss ich euch ein paar Katechismus-Fragen vorlegen, Madonna.
OLIVIA
Nun gut... aus Mangel an anderm Zeitvertreib. Ich höre.
NARR
Madonna, warum trauerst du?
OLIVIA
Weil mein Bruder tot ist, Narr.
NARR
Ich glaube, seine Seele ist in der Hölle, Madonna.
OLIVIA
Du Narr! Ich weiß, seine Seele ist im Himmel!
NARR
Desto mehr seid ihr der Narr, Madonna!
Was trauert ihr um die Seele eures Bruders, wenn er doch im Himmel ist?
Leute, schafft das Fräulein weg!
OLIVIA
Was haltet ihr von diesem Narren, Malvolio? Wird er nicht immer besser?
MALVOLIO
Ich wundere mich, dass Mylady ein solches Vergnügen an einem so einfallslosen Schuft
habt.
Wenn ihr nicht lacht und ihm keine Gelegenheit bietet, dann ist ihm rasch das Maul
gestopft.
Auf meine Ehre, ich halte die vernünftigen Leute, die über diese professionellen Narren
so wiehern,
für noch närrischer als die Narren.
Auftritt Fabian (flüstert mit Maria)
OLIVIA
Ihr krankt an Eigenliebe Malvolio
und schießt mit Kanonen auf Spatzen
MARIA
Gnädiges Fräulein, da ist ein junger Mann am Tor, der dringend euch zu sprechen
wünscht.
OLIVIA
Vom Herzog Orsino, nicht wahr?
MARIA
Ich weiß nicht auf jeden Fall diesmal ein hübscher junger Mann mitsamt Gefolge.
OLIVIA
Wer von meinen Leuten hält ihn auf?
MARIA
Sir Toby, euer Onkel.
OLIVIA
Oh Gott, holt ihn da weg! Er redet immer wirres Zeug.
Geht ihr, Malvolio: Wenn es ein Antrag des Herzogs sein sollte, bin ich krank oder nicht
zu Hause.
Sagt sagt einfach, was ihr wollt.
Malvolio ab.
Nun, Narr, da siehst du, wie deine Witze verschalen und die Leute sie nicht mehr mögen...
NARR
Madonna, du hast so gut für uns Narren gesprochen...
Fast als wolltest du, dass dein ältester Sohn einmal ein Narr wird...
Apropos, da kommt ein Verwandter von dir mit einem äußerst schwach entwickelten Gehirn.
Auftritt Sir Toby
OLIVIA
Mein Gott, wieder halb betrunken. Wer ist am Tor, Onkelchen?
SIR TOBY
Ein Herr.
OLIVIA
Ein Herr, ich weiß was für ein Herr?
SIR TOBY
Ein Herr eben... zwei Augen, eine Nase, zwei Ohren und ein Mund...
Na, du Schwachkopf!
NARR
Lieber Sir Toby! Seid auch ihr gegrüßt!
OLIVIA
Onkel, Onkel, wie kommt ihr nur so früh zu dieser Untüchtigkeit?
SIR TOBY
Unzüchtigkeit? Ich trotze der Unzüchtigkeit!
Übrigens... da ist einer am Tor.
OLIVIA
Ja, ich weiß. Wer ists?
SIR TOBY
Weiß der Teufel, was weiß ich denn? Ein Herr...
Sir Toby ab.
OLIVIA
Wem gleicht ein Betrunkener, Narr?
NARR
Einem Ertrunkenen, einem Narren und einem Verrückten:
Ein Schluck über den Durst macht ihn zum Narren,
der zweite macht ihn verrückt und der dritte ertränkt ihn.
OLIVIA
Dann geh, hol den Totenbeschauer. Ich fürchte, Sir Toby ist ertrunken.
Geh auf jeden Fall mal hinterher und schau nach ihm.
NARR
Noch ist er nur verrückt, Madonna, und der Narr wird nach dem Verrückten sehen.
Narr ab, Auftritt Malvolio
MALVOLIO
Mylady, dieser junge Kerl da draußen besteht lauthals darauf, euch zu sprechen.
Ich sagte ihm, ihr wäret krank; er sagte mir, das wüßte er und komme deshalb her.
ich sagte ihm, ihr würdet schlafen: er schien auch das voraus gewusst zu haben
und komme deshalb her... Was soll man ihm bloß sagen? Er ist gegen jede Ausflucht
gewappnet.
OLIVIA
Sagt ihm, er darf nicht mit mir sprechen.
MALVOLIO
Das hat er schon gesagt bekommen, und er sagte,
er werde standhaft wie eine Statue vor unserm Tor stehen bleiben
und unsern Eingang bewachen, bis ihr ihn einlasst.
OLIVIA
Was ist das für ein Mensch?
MALVOLIO
Einer von der übelsten Sorte er will mit euch sprechen, ob ihr wollt, oder nicht.
OLIVIA
Was für eine Person und wie alt ist er?
MALVOLIO
Weder Fisch noch Fleisch:
Nicht alt genug für einen Mann, nicht jung genug für einen Knaben,
auf der Grenze zwischen beiden.
Sieht sehr gut aus, hat eine spitze Zunge ein rechtes Muttersöhnchen, find ich.
OLIVIA
Dann lasst ihn herein aber vorher ruft meine Kammerzofe.
MALVOLIO
Kammerzofe die Herrin ruft.
Malvolio ab
OLIVIA
Rasch, wirf mir den Schleier über wir wollen noch einmal Orsinos Nachricht hören.
Auftritt Viola (von Fabian auf die Bühne geführt)
VIOLA
Wer ist die Dame vom Hause?
OLIVIA
Sprecht zu mir, ich werde für sie antworten.
VIOLA
Strahlendste, erlesenste und unvergleichlichste Schönheit...
- ich bitte euch, sagt mir, ob das die Dame des Hauses ist
Ich würde meine Rede ungern umsonst halten.
Abgesehen davon, dass sie hervorragend geschrieben ist,
habe ich mir große Mühe gemacht, sie auswendig zu lernen.
OLIVIA
Woher seid ihr gekommen?
VIOLA
ich kann wenig mehr sagen, als ich gelernt habe und diese Frage steht nicht in
meiner Rolle.
OLIVIA
Seid ihr ein Schauspieler?
VIOLA
Nein, bin ich nicht.
Und doch versichere ich euch, ich bin nicht, was ich spiele.
Seid ihr die Dame des Hauses?
OLIVIA
Nun gut, ich bins.
VIOLA
Dann werde ich jetzt mit meinem Loblied auf euch fortfahren,
und euch dann das Herzstück meiner Botschaft übermitteln.
OLIVIA
Kommt auf das Wesentliche, ich erlasse euch das Lob.
VIOLA
Ach, es hat soviel Mühe gemacht, es zu lernen... und es ist sehr poetisch.
OLIVIA
Desto eher ist es unecht. Ich bitte euch, behaltet es für euch.
Ich hatte gehört, dass ihr euch dreist an meinem Tor benommen habt
und erlaubte euch den Zutritt mehr, um euch zu bestaunen, als euch anzuhören.
Wenn ihr nicht verrückt seid, geht.
Wenn ihr klug seid, fasst euch kurz.
VIOLA
Ich bin ein Bote.
OLIVIA
Ach?
Und deine Botschaft ist so schrecklich, dass schon die höfliche Verpackung so grob daher
kommt?
VIOLA
Die Grobheit lernte ich erst beim Empfang.
Die Botschaft selbst ist friedfertig und schön...
Eine Offenbarung... und nur für eure Ohren bestimmt.
Maria ab (maulend)
OLIVIA
Nun, Herr? Lasst mich die Offenbarung hören... Wie lautet euer Text?
VIOLA
Süßestes Fräulein...
OLIVIA
Ein guter Anfang, lässt sich viel draus machen!
Wo steht euer Text?
VIOLA
In Orsinos Brust.
OLIVIA
In seiner Brust! Wo genau in seiner Brust? In welchem Kapitel?
VIOLA
Im ersten seines Herzens.
OLIVIA
Ich habe es gelesen es ist Ketzerei.
Habt ihr nicht mehr zu sagen?
VIOLA
Gutes Fräulein, bitte, lasst mich euer Gesicht sehen.
OLIVIA
Habt ihr von eurem Herrn den Auftrag, mit meinem Gesicht zu verhandeln?
Jetzt seid ihr aus dem Text gekommen!
Doch will ich nicht so sein und den Vorhang wegziehn, um euch das Gemälde zu zeigen...
(Entschleiert sich)
Seht, Herr, so sah ich in diesem Augenblicke aus. Ist die Arbeit nicht gut?
VIOLA
Hervorragend.
Wenn sie Gott allein gemacht hat...
OLIVIA
Es ist echte Farbe, Herr; es hält Wind und Wetter aus!
VIOLA
Es ist wahre Schönheit!
Und ihr seid das grausamste Wesen, das lebt,
wenn diese Schönheit ihr zu Grabe trägt, und lasst der Welt kein Abbild.
OLIVIA
Ich werde Verzeichnisse anfertigen lassen von meiner Schönheit:
zwei leidlich rote Lippen, zwei Stück blaue Augen... ein Hals, ein Kinn...
VIOLA
Ihr seid zu stolz, aber wenn ihr auch der Teufel wärt, schön seid ihr doch.
Und mein Herr und Meister liebt euch.
OLIVIA
Wie liebt er mich?
VIOLA
Mit Tränenflut der Anbetung, mit Feuerseufzern, mit Liebe donnerndem Stöhnen, das...
OLIVIA
Euer Herr weiß, was ich denke! Ich kann ihn nicht lieben.
Ich weiß, er ist tugendhaft, edel, freigiebig und gerecht, gelehrt und tapfer, mächtig
und reich,
von Aussehen und Erscheinung ein feiner Mensch.
Und dennoch kann ich ihn nicht lieben.
Es wäre schön, wenn er das endlich begreifen könnte.
VIOLA
Wenn ich euch mit solcher Glut und Qual liebte, würde ich die Zurückweisung auch nicht
begreifen.
OLIVIA
Und was würdet ihr tun?
VIOLA
Mir vor eurem Tor aus Trauerweiden eine Hütte bauen, ergebene Lieder meiner verschmähten
Liebe schreiben und sie laut in die totenstille Nacht hinaus singen, euren Namen den
widerhallenden Bergen entgegen schreien und das plappernde Gemurmel der Luft
Olivia verkünden lassen.
OLIVIA
Ihr könntet viel erreichen.
Was ist eure Herkunft?
VIOLA
Besser, als mein gegenwärtiges Schicksal andeutet ich bin ein Edelmann.
OLIVIA
Geht nun zu eurem Herrn.
Ich lieb ihn nicht und kann ihn nicht lieben. Er soll mir keine weiteren Botschaften
schicken.
---
Viola will abgehen, wird von Olivia mit dem Text aufgehalten
OLIVIA
Außer, ihr kommt noch mal vorbei.
---
Um mir zu sagen, wie ers aufnimmt.
Lebt wohl. Habt Dank für eure Mühe.
Nehmt das.
VIOLA
Ich bin kein Dienstbote, der auf ein Trinkgeld aus ist.
Behaltet euren Beutel mein Herr ist der, dem es an Belohnung mangelt.
Lebt wohl, schöne Grausamkeit.
Viola ab.
OLIVIA
Puh...
Was war das?
Wer bist du?
Besser, als mein gegenwärtiges Schicksal andeutet...
Ein Edelmann...
Ich würde darauf schwören, dass du einer bist.
Deine Sprache, dein Auftreten und dein Geist beweisen es mehr, als ein fünffaches Wappen!
Wenn doch der Herr der Diener wäre
Nicht so schnell!
Sachte, sachte...
Kann man sich denn so schnell anstecken?
Nun, es sei... Malvolio!
Auftritt Malvolio
MALVOLIO
Mylady, zu euren Diensten.
OLIVIA
Lauf diesem unverschämten Boten nach, dem Diener des Herzogs.
Er ließ mir diesen Ring zurück, ob ich wollte, oder nicht.
Sag ihm, ich will ihn nicht.
Bitt ihn, seinem Herrn gegenüber nichts zu beschönigen
und ihm auch keine falschen Hoffnungen zu machen
ich bin nicht für ihn bestimmt.
Sollte der junge Mann morgen hier vorbei kommen wollen,
so wird er die Gründe dafür erfahren.
Lauf schnell, beeile dich, Malvolio.
MALVOLIO
Ich eile, Mylady. (ab.)
OLIVIA
Ich tue was, ich weiß nicht was...
Nun walte Schicksal, niemand ist sein eigen:
Was sein soll, muss geschehen und wird sich zeigen!
Abgang Olivia mit Priester, der sie abholt